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Heimat und Fremde

IdentityPosted by Hannah Fuchs Mon, May 23, 2016 14:07:57

Home is where your heart is ist eine vielseitig verwendete englische Phrase, die vor allem bei jungen Menschen immer häufiger verwendet wird. So hat beispielsweise Moritz Hippich 2009 das deutsche Modelabel Home is where your heart is gegründet. Im gleichen Jahr veröffentlichte die schwedische Indie-Band The Sounds ihren Song Home is where your heart is. Im Netz findet man unzählige Essays und Blogs über den Spruch, der ausdrückt, wenn auch sehr verkürzt, was zunehmend „zuhause“ für Menschen bedeutet. Heimat bedeutet nicht notwendigerweise ein Ort, eine Arbeitsstelle oder ein Haus, sprich keine ortspezifischen oder materiellen Dinge. Vielmehr ist Heimat etwas, an dem man sich zuhause fühlt und sich identifizieren kann. Wie schon die Phrase ausdrückt, ist es das Herz, welches in den Mittelpunkt der Thematik gestellt werden muss. Es ist das Herz, welches unsere inneren Gefühle und Emotionen verkörpert, das schneller schlägt, wenn wir aufgeregt sind, das spannt, wenn wir nervös sind und warm wird, wenn wir lieben.

Aber was genau ist jetzt Heimat? Wenn Heimat alles wäre, wo mein Herz schneller schlägt, dann wäre auch das Fitnessstudio und jeder potenzielle Arbeitgeber eines Bewerbungsgespräches meine Heimat. Dem ist aber nicht so. Ein Zuhause ist wesentlich vielfältiger und komplexer als die Idee der Wohnung oder des Hauses, an dem man am Ende seines Arbeitsalltages „nachhause“ kommt. Wenn ich an Heimat denke, denke ich auf der einen Seite an meine erweiterte Familie in Österreich, die meine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen beinhaltet. Warum eigentlich? Ich sehe sie zwei-, dreimal im Jahr, sie am Land, ich in der Stadt lebend. Wieso ist es trotzdem Heimat für mich? Wieso fühle ich mich zuhause? Es ist nicht das Land, auf dem ich mich zuhause fühle und auch nicht die Art und Weise, wie sie leben. Vielmehr sind es die zwischenmenschlichen Ereignisse, die über die Jahre entstanden sind. Uns verbindet eine Geschichte, einerseits kulturell, andererseits in familiärer Hinsicht. Darüber hinaus fühle ich mich in ihrer Umgebung vertraut, ich kenne ihren Alltag, ich weiß, wie sie denken, ich verstehe sie. Dieses Wissen über sie, ihren Habitus und die Umgebung im Allgemeinen verleiht physische wie psychische Sicherheit. Sicherheit bekomme ich nicht nur durch eine vertraute Umgebung, ich vertraue ihnen auch auf persönlicher Ebene. Sie haben mich immer mit offenen Armen, einem breiten, ehrlichen Lächeln und funkelnden Augen empfangen, sie haben auf mich aufgepasst, mir Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt, mir zu Essen gegeben und einen sicheren Platz zu schlafen. So banal dies klingen mag, so essenziell ist es für das Gefühl von Vertrauen. Wenn ich Personen mein Vertrauen schenke, eröffne ich ihnen einen Raum, in dem ich von ihnen erwarte, dass sie so handeln, wie es sowohl für sie als auch mich in Ordnung ist. Habe ich dieses Gefühl von Vertrauen, beinhaltet es auch Sicherheit; ich habe einen sicheren Boden unter den Füßen. Auch wenn sie am Land leben und ich in der Stadt und wir relativ unterschiedliche Lebensentwürfe und –ansichten haben, teilen wir dennoch gleiche Werte. Wir nehmen aufeinander Rücksicht, wir sind einander immer willkommen und wertschätzen die andere Person, unabhängig davon wie sie zu leben vermag. Durch Erziehung wurden mir diese Werte mitgegeben, was unter anderem zu einer Verbundenheit zwischen uns als Familie geführt hat. Zusammengefasst sind es Gefühle der Vertrautheit und des Vertrauens, der gleichen Vergangenheit und Geschichte, der Verbundenheit zueinander, das Teilen von Werten, ein aufgehoben und geborgen sein. Wenn ich von diesem Teil meiner Heimat spreche, dann rede ich immer von meiner Oma. Ich sage dann „Ich fahre zu meiner Oma“ oder „bei meiner Oma“, wobei sie dabei die gesamte Familie repräsentiert. Sie trägt in meiner Vorstellung also eine wichtige Bedeutung; die des Schutzes und Fürsorge, der Geborgenheit, Anerkennung und Liebe zu mir.

Ich fühle mich also auf der einen Seite bei meiner erweiterten Familie sehr zuhause, sie gibt mir ein Gefühl von Heimat. Auf der anderen Seite habe ich mit sechzehn ein zweites Zuhause gefunden; in Michigan, USA. Ein Schulsemester lang habe ich als Einzelkind bei einer Familie mit vier Kindern gelebt und nur wenige Wochen haben gereicht um zu fühlen, dass dies nun ein weiteres Zuhause von mir ist, welches inkommensurabel zu meiner Familie in Österreich ist, oft habe ich es als eine andere Welt beschrieben. In der Adventzeit habe ich meiner Mutter in einer Email geschrieben, dass ich zum ersten Mal Geschwisterliebe erfahren habe. Obwohl wir weder eine gemeinsame Geschichte oder Herkunft haben, gab es trotzdem das starke Gefühl von tiefer Verbundenheit.

Die Familie gab mir durch ihr Wesen den Raum, so sein zu können wie ich möchte und hat gleichzeitig wieder darauf reagiert. Diese wechselseitige Reaktion kann auch mit Resonanz beschrieben werden; die amerikanische Familie und ich befanden uns also in einem Resonanzraum, in welchem wir aufeinander reagierten und zwar nicht, weil die Umstände es so von uns verlangten, sondern weil wir von unserem Wesen her so waren. Man selbst sein zu können führt das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mit sich. Wenn Menschen ihr innerstes und eigenstes Wesen zeigen, machen sie sich damit gleichzeitig verletzlich. Die Ungewissheit der Anerkennung und Akzeptanz steht im Raum. Das Gefühl sicher und geborgen in seiner Umgebung zu sein hat also zur Folge - mit Heidegger gesprochen - sein eigenstes Sein sein zu können.

Darüber hinaus hat das eben erwähnte Ausleben der eigenen Persönlichkeit etwas Entspannendes, Lockerndes und Befreiendes. Ich bin frei als Person, wenn ich nach den Prinzipien und Gefühlen leben kann, die ich für richtig und wertvoll empfinde. Die Vorstellungen darüber, was es bedeutet ident mit sich selbst zu sein und demnach leben zu können, sind jedoch veränderbar. Die meisten Menschen werden froh darüber sein, ihre Lebenseinstellung zur Zeit der Adoleszenz mittlerweile modifiziert zu haben. Aber auch darüber hinaus verändern wir persönliche Ideale, Einstellungen zu Situationen, Personen oder unserem Verhalten. Da sich also jeder Mensch in seinem Wesen ändert, können sich auch die einzelnen Menschen ändern, bei denen wir sein können wie wir sind, bei denen wir also Sicherheit, Geborgenheit und damit ein Gefühl von Heimat finden. Es sind meist, wenn überhaupt, nur sehr wenige Menschen, die einen trotz vieler Veränderungen ein Leben lang begleiten und ein Gefühl von Heimat geben. Oft sind es die Eltern, Geschwister oder Lebenspartner, doch auch „Freunde fürs Leben“ geben einem einen Raum von Sicherheit und Geborgenheit. Egal wie sehr sich die einzelnen Personen verändern, die gewisse Resonanz zwischen den Menschen, ein gegenseitiges Verstehen und Vertrauen bleibt vorhanden. Wir haben das Vertrauen, dass wir von der anderen Person immer angenommen und geliebt werden, unabhängig davon wie sehr wir uns nun verändern sollten. Mit Menschen, die uns ein Leben lang begleiten und das Gefühl von zuhause übermitteln können, teilen wir einen großen und festen Raum der Resonanz, des Verstehens und Verstandenwerdens, des Vertrauens und damit des Gefühls von Sicherheit; es ist der Raum des Zuhauseseins.

Heimat definiert sich also durch eine Vielzahl an Gefühlen, ausgehend von Personen, meist verbunden mit unserer Vergangenheit und Geschichte, dem Teilen von Traditionen, Ritualen und Werten. Wie ich aber auch zeigen konnte, ist eine gemeinsame Herkunft oder Geschichte nicht notwendig, sondern lediglich hinreichend um Heimat erfahren zu müssen. Heimat bedarf keiner festgesetzten Rahmenbedingungen, vielmehr ist es ein vielschichtiger Begriff, der sich vordergründig und hauptsächlich auf Gefühle bezieht, die teilweise durch Geschichte oder Rituale hervorgerufen und erzeugt werden können. Aber Heimat bedeutet darüber hinaus das Gefühl angekommen zu sein, seine innerste Persönlichkeit unbeschwert und frei ausleben zu können, physische wie psychische Sicherheit zu erfahren, sowie Liebe und Vertrauen zu schenken als auch zu bekommen.

Der Begriff "Geborgenheit" passt wohl am besten zu dem Gefühl von Heimat und beinhaltet eigentlich all die anderen Gefühle, mit denen ich bisher versucht habe Heimat zu beschreiben. Die Süddeutsche beschrieb in einem Artikel über Geborgenheit diesen mit Begriffen wie „Sicherheit“, „Schutz“, „Wärme“, „Vertrauen“, „Akzeptanz“ und „Liebe“. Etymologisch lässt sich Geborgenheit von „bergen“ ableiten, was unter anderem „in Sicherheit bringen“ bedeutet. Das Präfix „ge-“ kann schließlich zusammen mit einem Verb ein momentanes Geschehen ausdrücken, das oftmals einen Beginn oder Abschluss eines Vorgangs markiert. Nun ist Zuhause ein Ort, an dem man angekommen ist, während man zuvor auf der Suche war. Das Geschehen wäre demnach das des Angekommenseins als Ende des Suchvorgangs. Kinder, die in einer unstabilen Umgebung aufgewachsen sind und nie das Gefühl von Geborgenheit erfahren konnten, werden immer auf der Suche sein, das Gefühl des Angekommenseins zu finden. Bildlich gesprochen kann die Rolle der Eltern mit einem Hafen und einem Schiff verglichen werden. Der Hafen bietet Sicherheit und Schutz und ist der Ort, an dem jedes Schiff letztlich ankommt. Das Schiff wiederum bringt das Kind hinaus und zeigt ihm die Welt, um zu sehen, wie es anderswo aussieht, wie es vielleicht anders besser geht oder was bei sich auch gut und zu schätzen ist.

Der Hafen bietet demnach das Zuhause, zu dem wir immer zurück- und ankommen. Das Schiff hingegen trägt uns weg von diesem Zuhause, hinaus in die Fremde. Das angeführte Sinnbild zeigt die Fremde (hinausfahrendes Schiff) als notwendiges Gegenstück zur Heimat (Hafen). Die Schiffe wären ohne einen Hafen verloren, so wie sich Menschen in persönlichen Krisen ebenso „verloren fühlen in dieser Welt“. Der Hafen auf der anderen Seite hätte überhaupt keine Bedeutung, wären da nicht die Schiffe, die ihm eine Aufgabe zuteilen. Das Fremde ist demnach nicht ausschließlich etwas Bedrohliches und von Grund auf Negatives. Allgemein gesprochen bedeutet Fremde Unwissenheit, es ist etwas Unbekanntes, Neues und Anderes. Das Fremde können fremde Kulturen, fremde Menschen, fremde Situationen oder fremde Umgebungen sein. Sie beinhalten zum Beispiel unbekannte Ideologien und Lebensentwürfe, von denen wir nichts wussten. All diese Möglichkeiten stehen uns offen zu erfahren, sowohl in positiver Hinsicht als dass sie uns bereichern, aber auch auf negative Weise, als dass sie uns hindern, einschränken oder schaden.

Fremde im Negativen ist, einfach gesprochen, das absolute Gegenteil von Heimat. Fremde bedeutet Unvertrautheit, nicht verstanden zu werden und selbst nicht zu verstehen. Befinde ich mich in einer komplett neuen Situation, in der ich keinen Halt finde und mich absolut nicht orientieren kann, in welcher ich weder Bezug zu Menschen noch zu meiner Umgebung habe, dann fühle ich mich fremd. Ich verstehe nicht, wieso welche Dinge passieren, wieso welche Handlungen vollzogen werden und was demnach als nächstes folgt. Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit sind also Begriffe, die das Gefühl von Fremde beschreiben. Damit zusammenhängend bringen auch Unberechenbarkeit und Willkür das Gefühl von Fremde hervor. Kann ich eine Situation nicht mehr kontrollieren oder einzelne Menschen bis zu einem bestimmten Maß einschätzen, wirkt die Situation oder die Person fremd. Geht das Fremde in die Extreme, wird das Fremde zum Bedrohlichen und der Fremde zum Feind. Das Fremde wird von den Menschen meist abgelehnt oder sie erkennen es nicht an. Diese Reaktion ist eigentlich ein natürlicher Mechanismus. Der Körper stößt Fremdkörper auf unterschiedlichste Weise ab. Wir wehren uns gegen Fremdkörper mit Schutzreflexen wie Zusammenzucken der Augen oder des gesamten Körpers, wenn wir gekitzelt werden. Ist uns also etwas fremd und nicht gewohnt, lehnen wir es instinktiv ab. Dadurch, dass wir das Fremde nicht verstehen, ergeben sich Missverständnisse, was in weiterer Folge bei Menschen oftmals zu Konflikten führt. Gefühle der Unsicherheit, des Unverständnisses und der Nicht-Anerkennung führen auch dazu, dass wir kein Vertrauen entwickeln können und ein Gefühl der Erdrückung der eigenen Identität aufkommt. Sich zu identifizieren bedeutet, sich zu definieren und damit einhergehend sich anderem gegenüber abzugrenzen. Ich meine keine Entweder-oder Entscheidung, sondern eine klare Zeichnung seines Wesens. Durch jede Entscheidung, die wir tätigen, jede Handlung, die wir ausführen und jede Art, in der wir uns geben, formen und definieren wir uns auch schon. Bekommen wir durch die Invasion des Fremden jedoch nicht die Möglichkeit uns frei formen und definieren zu können, versuchen wir uns umso stärker und sichtbarer von anderem, also besonders von dem Fremden, abzugrenzen. Grenzen erzeugen das Gefühl der Sicherheit und der Definition (lat. finis, Grenze), doch jede Art des Ungleichgewichts und des Extrems führt in jedem anderen Bereich auch zu einer Extreme. Ist also das Fremde, begleitet von all den zuvor beschriebenen Gefühlen, besonders präsent, wird auch die Abgrenzung zu diesem stärker. Aus Angst seinen Rahmen komplett zu verlieren, wird dieser umso vehementer gestärkt. Das Fremde kann sich demnach negativ auswirken, wenn wir eine Bedrohung unserer Identität und Sicherheit verspüren. Ich bin der Ansicht, dass das Fremde den negativen Charakter vor allem dann erhält, wenn der Rahmen von Anbeginn nicht stabil war oder der Boden unter den Füßen zu weich und nicht festen Schrittes weitergegangen werden kann, beziehungsweise Herausforderungen nicht standhaft geblieben werden können. Ein ausreichendes Gefühl von Heimat erfahren zu haben hilft demnach, mit unbekannten, fremden Situationen besser klarkommen zu können.

Kommen wir zurück zum Schiff und dem Hafen. Verlassen wir den Hafen und widmen uns dem Fremden, begeben wir uns auf ein Abenteuer das neben einer Horizonterweiterung immer auch Risiken mit sich bringt. Da das Fremde immer Unbekanntes ist, wissen wir nicht, was uns erwartet. In die Fremde beziehungsweise in ein Abenteuer aufzubrechen bedeutet auch alte Ansichten und Gewohnheiten aufzubrechen, um Neues hineinlassen zu können. Den Horizont zu erweitern bedeutet Vielfalt hineinzulassen, unterschiedliche Ansichten, Lebensentwürfe, Rituale und Geschichten kennenzulernen. Dabei werden die eigenen Werte und Ideale hinterfragt, verändert oder aber auch gefestigt. Der Rahmen, der durch meine Heimat gebildet wurde, wird in der Fremde sowohl ausgeweitet als auch weiter gefestigt. Womöglich orientiert man sich innerhalb des Rahmens neu, doch verwirft man ihn nie völlig. Um die Grenzen des eigenen Rahmens ziehen und definieren zu können, muss man wissen wogegen man sich abgrenzt, was einem „zu weit geht“ und wo vielleicht noch Raum ist um weiter zu gehen. Der Boden unter den Füßen muss fest sein, muss einen tragen können, wenn man über fremde Steine stolpert und Felsen erklimmt.

Fremde und Heimat bedingen sich also einander. Die Heimat bietet uns Schutz und Sicherheit, sie festigt uns in unserem individuellen und ganz persönlichen Dasein. Gleichzeitig bedarf es der Fremde um den eigenen Horizont, das heißt die Art und Weise, wie wir das Leben betrachten, hinterfragen und ausbauen zu können.

Heimat und Fremde sind wie kontrastive Begriffe; ich kann das eine ohne dem anderen nicht verstehen. Sie übernehmen die Funktion, durch Kontraste und Differenzen Bedeutungen herzustellen. Verlasse ich das Gefühl von Heimat nie, werde ich nicht verstehen, was beispielsweise Vertrauen, Sicherheit oder Akzeptanz wirklich bedeuten, ich weiß nur, dass es sie gibt. Um ein besseres Verständnis von Bekanntem und Gewohntem zu bekommen, bedarf es dem Erfahren vom Gegenteil, also dem Fremden, Neuen oder Unbekannten. Erst durch die Differenz, also dem Unterschied und dem jeweiligen Abstand, bekommen wir ein Gespür und ein Verständnis für die Begriffe. So gibt es nicht nur Verständnis und Unverständnis, sondern auch Missverständnis. Nicht nur Gegenteile, sondern eine gewisse Differenz zwischen Begrifflichkeiten zeichnen Bedeutungen noch klarer ab. Ich weiß zum Beispiel, dass meine Mutter mich liebt, aber erst wenn ich ihre Abwesenheit erfahre, verstehe ich wirklich, was ihre Liebe zu mir bedeutet. Oder ich weiß, dass meine Geschwister oder Freunde mich akzeptieren, aber erst wenn ich erfahre, dass manches von meiner Persönlichkeit oder meines Habitus akzeptiert und anderes nicht akzeptiert oder gar abgelehnt wird, erfahre ich die einzelnen Grade, die feinen Nuancen und Unterschiede von Akzeptanz und Anerkennung mit ihren jeweiligen Bedeutungen.

Auf der Suche zu sein und das Gefühl des Angekommenseins und der Geborgenheit wiederholen sich abwechselnd. Zu Beginn müssen wir erstmal unseren Rahmen bilden und einen festen Boden unter den Füßen erlangen. Eltern sind eine Quelle der Geborgenheit, aber es sind mehrere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können. Auch sichere Lebensumstände und andere Personen können das Gefühl von Geborgenheit vermitteln oder eben nicht. Haben wir einmal einen Rahmen gebildet und das Gefühl von Geborgenheit erfahren, machen wir uns immer wieder erneut auf die Suche. Wir beginnen den Rahmen zu erweitern, zu hinterfragen und uns anders zu positionieren. Im Laufe unseres Lebens begeben wir uns unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv auf die Suche, wir verlaufen uns oder stolpern, wir kommen an und brechen wieder auf. Der andauernde Prozess ist für uns auch deswegen notwendig, um Werte und Ansichten, die uns mitgegeben wurden und worauf wir demnach keinen Einfluss hatten, immer wieder zu hinterfragen.

Heimat und Fremde bedingen sich des Weiteren in Form der Spannung und Entspannung. Zuhause müssen wir keine Rollen spielen und keine Erwartungen erfüllen, es dient als Rückzugsort zur Erholung und Entspannung, ein Ort der inneren Ruhe. Auch wenn ich hier von einem Ort schreibe, so meine ich nicht zwangsläufig einen physischen Ort, sondern die Umstände, die das Gefühl von Heimat, von Angekommensein, übermitteln. Ständige Entspannung würde auf Dauer zu Schlaffheit führen, also wieder in ein Extrem. Um dem entgegenzuwirken und die eigentliche Bedeutung von Entspannung aufrecht zu erhalten, bedarf es auf der anderen Seite der Spannung; auf der Suche zu sein, in ein Abenteuer aufzubrechen. Dabei kann es passieren, dass gerade in der Fremde Heimat gefunden wird. Der Rahmen wird erweitert und was zuvor noch unbekannt und bezugslos war, ist nun Teil der Heimat. So wie ich mich mit sechzehn in ein Abenteuer begeben habe, meine gewohnte und vertraute Heimat verlassen habe und gerade in der Ferne, in einem fremden Land mit einer anderen Sprache und bei Leuten mit einer anderen Lebensweise ein Zuhause gefunden habe. Ein Abenteuer zu beschreiten und ein Risiko einzugehen bedeutet nicht, eine Gefahr einzugehen, sondern bewusst Herausforderungen entgegenzutreten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auf welche Art mit diesen Herausforderungen umgegangen wird und welche Erkenntnisse aus ihnen gezogen werden, bleibt abhängig von der jeweiligen Person beziehungsweise all den betroffenen Personen. Nachdem Fremde immer auch Unwissenheit bedeutet, konnte auch ich nicht wissen, was dieses Abenteuer für mich bereithalten würde und es war bestimmt nicht einzig meine bewusste Entscheidung, dass dies ein neues Zuhause für mich sein würde. Es waren vielmehr die unterschiedlichen Faktoren und Umstände, die zusammengespielt haben, die einzelnen Personen, mit denen gemeinsam der Resonanzraum entstanden ist und sich so das Gefühl der Heimat zwischen uns entfalten konnte.

Schließlich muss die Balance zwischen Heimat und Fremde im Gleichgewicht gehalten werden. Erfahren wir zu wenig Fremde und bleiben wir ausschließlich im gewohnten und vertrauten Umfeld, dann ist es unmöglich ein ausgeglichenes (!) Verhältnis zu seiner Identität, zu den Gefühlen von Zuhause und Heimat, aber auch eine Beziehung zum Fremden zu bekommen. Begebe ich mich immer wieder auf die Suche, ist mir die Suche an sich nicht mehr fremd. Begegne ich immer wieder Fremdem, ist mir die Begegnung mit dem Fremden an sich nicht mehr fremd. Umgekehrt bedarf es dem Gefühl der Geborgenheit, dem Gefühl des schützenden Hafens, zu dem man immer zurückkehren kann. Das Gefühl von Zuhause gibt Kraft um Herausforderungen bewältigen zu können. Ich kann Fremdes nur dann sicher angehen, wenn darüber hinaus meine eigene Persönlichkeit, meine Identität gestärkt und gefestigt ist, jedoch nie verfestigt, um revidierbar bleiben zu können. Wenn ich nie oder kaum das Gefühl von Heimat erfahren habe, bin ich womöglich auch nicht in der Lage das Fremde zu erfahren, da ich noch im „ersten Stadium des Suchens“ bin, um überhaupt einmal von einem Hafen wegfahren, mich von einem festen Boden abstoßen oder einen Rahmen bewegen zu können.

Überwiegt das Gefühl von Fremde, wird also alles unbekannt und geschieht willkürlich, kann nichts mehr vertraut werden und ein gewisses Urvertrauen fällt weg. Dieses Urvertrauen beinhaltet Wissen und Sicherheit über gewisse Dinge und ein Gefühl von Kontrolle über Situationen, in denen man sich befindet. Fällt dieses Urgefühl wie gesagt weg, flüchte oder verliere ich mich in einer Suche nach Kontrolle über alles, was mir vertraut ist und bin nicht mehr offen für Anderes, Neues und Unbekanntes.

Quellenverweise:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/gemischte-gefuehle-geborgenheit-und-alles-ist-gut-1.984667

http://www.zeit.de/angebote/partnersuche/magazin/magazin_Sehnsucht_nach_Geborgenheit





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